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ERLEBT DIE ATOMKRAFT EINE RENAISSANCE ?

 
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meidlinger



Anmeldungsdatum: 22.07.2004
Beiträge: 1378

BeitragVerfasst am: Fr März 12, 2021 7:48 pm    Titel: ERLEBT DIE ATOMKRAFT EINE RENAISSANCE ? Antworten mit Zitat



Zehn Jahre nach Fukushima

Von Sarah Platz

Joe Biden, Boris Johnson und die EU wollen im Kampf gegen den Klimawandel auf Atomenergie setzen. Deutschlands Atomausstieg abzubrechen, wäre wirtschaftlich allerdings kaum machbar.
Vor zehn Jahren beschloss Deutschland den Atomausstieg bis 2022. Es war das Reaktorunglück von Fukushima in Japan am 11. März 2011, das den Anstoß für die Entscheidung gab. Bis heute umgibt das Atomkraftwerk Fukushima ein Sperrgebiet, das so groß ist wie München. Bundeskanzlerin Angela Merkel reagierte damals mit einer 180-Grad-Wende der deutschen Energiepolitik. Hatten Union und FDP ein halbes Jahr zuvor noch eine Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke beschlossen, leiteten sie nun beinahe debattenlos den Atomausstieg ein. Damit war Deutschland keineswegs Vorreiter. Auch Dänemark, Italien, Belgien und Spanien beschlossen den Ausstieg aus der Kernenergie oder hatten sich schon dafür entschieden; Länder wie Österreich und Irland haben nie eigene Kraftwerke betrieben. Doch nun, knapp zehn Jahre nach "Atomkraft? Nein danke"-Massenprotesten scheint die Energie aus Kernkraftwerken an neuer Beliebtheit zu gewinnen.

Der Weltklimarat etwa möchte die CO2-arme Atomenergie nutzen, um den Kampf gegen den Klimawandel voranzubringen; Fridays-For-Future-Initiatorin Greta Thunberg twitterte, Kernenergie könne "ein kleiner Teil einer sehr großen neuen kohlenstofffreien Energielösung" sein und löste damit einen Protest unter den Aktivisten aus. Kurz darauf relativierte die 18-Jährige ihre Aussage: Sie habe sich auf den Ansatz des Weltklimarats bezogen. Persönlich sei sie gegen Atomkraft. Auf dem Weg zur Klimaneutralität investiert US-Präsident Joe Biden in die Entwicklung neuer Atomenergie. Der Bundesfachausschuss für Wirtschaft, Arbeitsplätze und Steuern der CDU setzte sich schon Anfang 2020 dafür ein, Kernenergie "als mögliche Variante für eine CO2-freie Energieproduktion" zu prüfen, wie ein Positionspapier zeigte. Auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer äußerte, man müsse die Kompetenz für Atomenergie behalten. Auf europäischer Ebene sieht das sogenannte "Clean Energy Package" der Europäischen Kommission Laufzeitverlängerungen vor, sowie den Neubau von 100 Atomkraftwerken bis 2050.

"In Deutschland ist das Thema durch"
"Es ist überhaupt keine gute Idee, die Atomkraft wieder aus der Mottenkiste zu holen", sagt dagegen Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Interview mit ntv.de. "Atomstrom war, ist und bleibt unwirtschaftlich." Während eine Kilowattstunde Strom aus Solar- und Windenergie im Durchschnitt 6 bis 8 Cent koste, sei der Preis für Atomenergie mit 16 Cent fast dreimal so hoch. Das liege vor allem an den hohen Investitionskosten wie dem durchschnittlich zehn Jahre langen Bau der Kernkraftwerke, sicherheitstechnischen Updates und schließlich dem notwendigen Uranabbau und -einsatz, erklärt Kemfert. Aufgrund der radioaktiven Strahlung in der gesamten Wertschöpfungskette sei Nuklearenergie auch eine enorme Gefahr für Mensch und Natur. "Atomkraft ist damit weder eine wirtschaftliche noch eine saubere Energieform."

Das wüssten natürlich auch die deutschen Stromerzeuger, sagt der Energiewissenschaftler Dirk Uwe Sauer von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen. Sie hätten den Rückbau der Atomkraft längst vorbereitet und in den Aufbau erneuerbarer Energien investiert. Erst am Freitag einigten sich Bund und Kraftwerksbetreiber auf eine Entschädigung in Milliardenhöhe. Der Vorsitzende der Initiative "Energiesysteme der Zukunft" erklärt: "Aus Sicht der deutschen Kraftwerksbetreiber ist das Thema Atomenergie durch."

Atomkraftwerke
Von den weltweit operierenden 414 Atomkraftwerken stehen die meisten in den USA, in Frankreich, Russland, China und Indien. Das Durchschnittsalter beträgt 30,7 Jahre, wobei die ältesten Kraftwerke in den USA, die jüngsten in China stehen. Global kommen nur noch zehn Prozent des gesamten Stromverbrauchs aus Atomenergie; 1996 waren es noch 17,5 Prozent.
In Deutschland werden die Atomkraftwerke Brokdorf, Grohnde und Grundremmingen C noch 2021 vom Netz genommen. Bis Ende 2022 folgen dann die Anlagen Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2. Ende 2020 hat Deutschland bereits 51,2 Prozent des Strombedarfs aus erneuerbaren Energien gedeckt - davon am meisten aus Windkraft.

Knapp die Hälfte der Energie wird immer noch aus konventionellen Energiequellen gewonnen. Dabei ist Kohle mit knapp 23 Prozent der Hauptenergieträger, rund 12 Prozent bezieht Deutschland noch aus Kernenergie.

Den offiziellen Ankündigungen zum Trotz herrscht auch weltweit ein zurückhaltender Trend beim Bau von neuen Anlagen. Während derzeit 50 neue Atomkraftwerke gebaut werden, haben 220 geschlossen oder sind dauerhaft außer Betrieb. Neubauten wie das Kernkraftwerk Flamanville in Frankreich, das sich seit 2007 im Bau befindet, würden jeden Zeit- und Finanzierungsplan sprengen, sagt Sauer. "Atomkraftwerke funktionieren - wenn überhaupt - nur in staatlicher Hand oder mit staatlicher Unterstützung, finanziert durch die Gemeinschaft." Ein gutes Beispiel sei England, wo die Regierung den Betreibern der 13 Kernkraftwerke rund 108 Milliarden Euro an Subventionen gewähre.

Weltmacht der Atomenergie sind immer noch die USA. 94 der 414 operierenden Atomkraftwerke weltweit stehen auf US-amerikanischem Boden. Trotzdem würden auch dort teilweise Kernkraftwerke aus dem Betrieb genommen, die nicht einmal die geplante Betriebsdauer von ungefähr 40 Jahren erreicht haben, so Dirk Uwe Sauer. "Die laufenden Kosten rechnen sich einfach nicht mehr gegen andere Arten der Stromerzeugung." Auch China, das in den 2000ern Spitzenreiter beim Neubau von Reaktoren war, will in der Zukunft verstärkt auf erneuerbare Energien setzen.

Der Weg zur Atomwaffe ist nicht weit
Ein Sonderfall ist Frankreich. Die Franzosen beziehen über 70 Prozent ihrer Energie aus Atomkraft und sind damit weltweit mit Abstand Spitzenreiter. Jüngst wurde die Laufzeit der französischen Kernkraftwerke auf 50 Jahre verlängert. "Das erhöht auch die Gefahr, Reaktorunfälle wie in Fukushima oder Tschernobyl zu erleben", sagt Claudia Kemfert. Da Atomkraftwerke auf eine Laufzeit von 30 bis 40 Jahren auslegt sind, sei das Material nach dieser Zeit stark beansprucht. Allerdings bleibe den Franzosen kaum etwas anderes übrig als eine Laufzeitverlängerung, erklärt Dirk Uwe Sauer. "Frankreich hat kein anderes Konzept. Wenn sie jetzt radikal alle Anlagen mit 40 Jahren aus dem Betrieb nehmen würden, müssten sie wahrscheinlich sogar wieder fossile Kraftwerke bauen."

Neben dem Unfallrisiko und dem ungelösten Endlagerproblem birgt die Energiegewinnung aus Atomkraft noch eine andere Gefahr. "Solange die kommerzielle Nutzung von Atomkraft zur Stromerzeugung ein Thema ist, bekommen wir das Thema Bombe nicht weg", mahnt Energieexperte Sauer. Zum Beispiel habe es schon früh Angebote an die Türkei für den Bau von Atomkraftwerken aus Russland gegeben. Rechnungen hätten ergeben, dass die Kilowattstunde solcher Anlagen in der Türkei 18 Cent inklusive Bau, Betrieb und Entsorgung der Kraftwerke kosten würde. "In einem Land, in dem Fotovoltaik- und Windkraftanlagen die besten Voraussetzungen haben und das Strom zu rund vier Cent pro Kilowattstunde erzeugen könnte, stecken da sicherlich andere Interessen dahinter", sagt Sauer. "Da geht es natürlich um den Besitz von Atomtechnik. Wie aber soll man einem Land wie Iran die zivile Nutzung von Atomkraft verbieten, wenn sie anderswo weiter genutzt wird?"
Nachdem sich die westlichen Atomenergie-Mächte sichtbar aus dem Bau von Atomkraftwerken zurückziehen, hat Russland inzwischen eine dominante Rolle als Exportland von Atomenergie inne. Die sich derzeit im Bau befindenden, ersten Atomkraftwerke in Bangladesh, Belarus und der Türkei würden alle auf russischer Technologie und Finanzierung beruhen, sagt Kemfert. "Russland betreibt eine offene Atom-Diplomatie und versucht so, seinen geopolitischen Einfluss zu stärken." Sie beobachtet, dass Atomkraft-Newcomer-Länder ein geringes Ausmaß an demokratischen Freiheiten haben. "Es liegt nahe, dass sich vor allem Länder mit der unwirtschaftlichen Atomkraft beschäftigen, in denen es keine kritische öffentliche und parlamentarische Debatte dazu gibt."

Bill Gates investiert in Mini-Atomkraftwerke
Dass Deutschland auch nach seinem Atomausstieg nicht frei von jeglicher Gefahr durch Reaktorunfälle sein wird, zeigt ein Blick auf die Nachbarstaaten. Polen plant gleich sechs neue Reaktoren, einen davon an der deutschen Grenze. Im Ernstfall wären auch 1,8 Millionen Deutsche betroffen. In Tschechien soll bis 2035 ein neues Kraftwerk entstehen. Auch der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte plant einen Ausstieg aus dem Ausstieg und zehn neue Anlagen. Wo es solche Pläne gibt, wird auf die Chance verwiesen, mit der CO2-armen Energieform die Klimaziele zu erreichen. Im Bau befindet sich allerdings noch keines dieser Projekte.

Und dann sind da noch die Atomkraftwerke der vierten Generation. Weltweit gibt es rund 70 Projekte, die an sogenannten kleinen, modularen Kernkraftwerken arbeiten. Teilweise sollen diese nicht größer als ein Einfamilienhaus sein und in Serie hergestellt werden. Vor allem US-Präsident Biden sowie Großbritanniens Premierminister Boris Johnson sehen die Zukunft des Klimaschutzes in den Mini-Atomkraftwerken. Microsoft-Gründer Bill Gates investiert Millionen in die neue Technologie. Im Interview mit der "Welt" sagt der Milliardär, die Menschen sollten im Kampf gegen den Klimawandel offen sein für Atomkraft. Die Idee sei, Schwankungen von erneuerbaren Energien mithilfe der kleinen Atomanlagen auszugleichen und dabei auf den CO2-Austoß von fossilen Energien zu verzichten. "Man muss allerdings sagen, dass diese Technologien schon seit mehreren Jahrzehnten diskutiert werden, sie aber noch zu keinem kommerziellen Produkt entwickelt worden sind", bremst Dirk Uwe Sauer die Euphorie. Auch müsse man bedenken, dass in jeder Stadt von 250.000 Einwohnern ein solches Kernwerk stehen würde.

Kurzum: Auch zehn Jahre nach Fukushima ist Atomenergie ein Thema. Die Renaissance der Atomkraft ist jedoch bestenfalls eine Theorie. "Für den Klimaschutz bräuchte man sie auf jeden Fall nicht", sagt Sauer. Mit Gaskraftwerken gebe es bereits Anlagen im Energiesystem, die CO2-arm sind und nach und nach auf erneuerbare Gase wie Wasserstoff umgestellt werden könnten. "Nicht jede Investition von Bill Gates führt auch zum Erfolg."
Quelle: ntv.de

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